| Bemerkungen | Dokumentenabschrift: Sehr verehrte und liebe Frau Cassirer!
Das Bild von den New Yorker Lebensbedingungen, das man aus Ihrem freundlichen Brief erhält, ist ebenso eindrucksvoll wie manche Partien aus Ihrem biographischen Werk. Ich nehme an, dass trotz allem, was geschehen ist, in Ihnen doch bisweilen das Heimweh sich regt. Es gibt auch in dieser Hinsicht viel still getragenes Emigranten-Leid.
Für Ihre freundlichen Glückwünsche herzlichen Dank. Die Universität Berlin wollte mir ihren Dank dafür ausdrücken, dass ich ihre Entwicklung immer mit reger Teilnahme begleitet und auch manche Gastvorlesung an ihr gehalten habe. Berlin ist augenblicklich diejenige deutsche Stadt, in der man die klarste politische Einsicht und den festesten politischen Willen findet. Das bringt ihre einzigartige politische Situation, aber auch die besondere Wesensart ihrer Bewohner mit sich.
Eine besondere Freude bereitete mit die Kunde, dass Ihres Mannes Bücher wieder stärker in die Breite zu wirken beginnen. Durch die Existenz-Philosophie war es Mode geworden, den gesamten Idealismus und mit ihm Kantianismus für eine überholte Sache zu erklären. Allmählich fängt man an, zu merken, dass damit alle Klarheit des Denkens und alle Gewissenhaftigkeit der Begriffsbildung zum Teufel geht. An ihre Stelle tritt das geheimnisvolle - orakelnde Zungenreden. Offenbar fängt man an, dessen müde zu werden und nach nahrhafterer Speise zu verlangen. - Der vierte Band des Erkenntnisproblems wird bestimmt auch noch in deutscher Sprache herauskommen. Vielleicht wäre es möglich, bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Druckkosten-Zuschuss zu erwirken.
Ich bin mit herzlichen Grüssen, denen meine Frau sich anschliesst,
Ihr Th. Litt; von: Litt an: Cassirer, Frau; Ort: Bonn |