Bestand:Privatarchiv Litt, Theodor
SignaturNA Litt, Theodor B 1-0609
TitelBrief von: Schwarz, E. (Neustadt-Weinstr.) an: Litt
Enthältms; Brief 1 Blatt A4
Zeitvon1958
Zeitbis1958
BemerkungenDokumentenabschrift: Zuschrift veranlaßt durch einen Leserbrief Litt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23.04.1958: Politisierung der Hochschulen. Sehr geehrter Herr Professor! Von der Redensart "Ein schlechter Vogel, der sein Nest beschmutzt", möchte ich, obwohl es nahzuliegen scheint, inbezug auf Ihre Zuschrift an die FAZ, keinesfalls Gebrauch machen. Aber ich frage mich, weshalb Sie die Zuständigkeit und Befähigung der Hochschullehrer in politischen Dingen so gänzlich ausschliessen wollen. Zweifellos, ein Physiker, ein Mathematiker, ein Mediziner, ein Historiker, ein Philosoph kann in politischer Beziehung ein Dummkopf sein - wir haben das erlebt und erleben es noch -, aber wo soll man die wahre politische Einsicht suchen? In den östlichen Ländern vindiziert man sie den Arbeitern und Bauern und da mag sie ja in der Tat auch vorhanden sein. Hier im Westen aber glauben wir an so etwas wie den Geist, der allerdings weht wo er will, der aber nun einmal vorzugsweise von den Hochschulen repräsentiert wird. Kant, Schelling, Hegel, Fichte, Jakob, Burckhardt, Nietzsche waren Hochschullehrer mit polititschem Blick. Wenn es überhaupt eine Mitverantwortung des Geistes und der geistigen Menschen für die Politik gibt - und ich meine sie wäre umso notwendiger, je schwieriger die politischen Probleme werden und je primitiver diejenigen sind, denen der Volkssouverän sein Schicksal anvertraut - dann müssen ganz besonders auch die Universitätslehrer an die politische Front, wenigstens diejenigen, die sich dazu berufen fühlen. Wenn sie dazu das Ansehen benützen, das ihresgleichen - von Ausnahmen abgesehen - mit Recht geniesst (in einem Volk, das nicht nur vor der Obrigkeit, sondern auch vor dem Geist und seinen berufenen Vertretern instinktiv Respekt hat), dann tun sie nicht mehr und nicht weniger als was die Herren Volksvertreter, die auch nicht alle das politische Gardemaß haben, auch tun. * Das Missverständnis, dem auch Sie erliegen, besteht darin, dass die Bedeutung einer Schicht (Hochschullehrer oder Parlamentarier hier) gemessen wird an dem Niveau Einzelner. Natürlich sind Mathematik oder Medizin und Politik ganz verschiedne Dinge, aber die Parlamentarier sind ja berufsmässig ebenfalls mit Gegenständen beschäftigt, die mit Politik nichts zu tun haben und ihre Partei kann ihnen nur einen begrenzten Aspekt beibringen. Zweifellos gibt es ausserhalb des Kreises der Hochschullehrer genug Menschen, die einen gleich umfassenden Horizont für politishe Fragen haben - ich rechne mich selbst dazu -, aber die Hochschullehrer sind nun mal die Chorführer. Mit den besten Empfehlungen! gez. E. Schwarz *wozu kommt, daß diese Leute Entscheidungen fällen, während die anderen nur reden und schreiben können.; von: Schwarz, E. an: Litt; Ort: Neustadt-Weinstr.