| Bemerkungen | Dokumentenabschrift: Lieber Herr v. Braunbehrens!
Ich habe Ihnen für zwei Briefe zu danken. Der erste berichtete von unerfreulichen Erfahrungen, die Sie mit der Wirkung Ihres Dialoges gemacht haben. Ich weiß aus meinen eigenen jüngeren Jahren, daß man, so lange man sich noch als Anfangender fühlt, gegenüber den Urteilen der Umgebung recht abhängig und Ermutigung nötig hat. Später wird man in dieser Hinsicht viel, viel gleichgültiger. Denn man merkt, daß die Zahl der wirklich Urteilsfähigen sehr klein ist und daß die meisten nach sehr äußerlichen Gesichtspunkten zu urteilen pflegen, wenn sie nicht gar nachschwatzen, was sie von anderen, vermeintlich Wissenden, gehört haben. Am lehrreichsten ist in dieser Hinsicht der Erfolg von Vorträgen. Es sind wahrhaftig nicht immer die besten, die am kräftigsten durchschlagen. Daß Sie bei der "Gegenwart" nicht angekommen sind, tut mir herzlich leid. Lassen Sie sich nicht entmutigen! Es wird ja jetzt wirklich in Ihrer Zone unglaublich viel geschrieben. Hier ist das anders. Hier floriert nur eine bestimmte Gattung von Shriftstellerei. Die aber allerdings sehr gründlich. Die Buchstadt Leipzig kommt vollkommen ins Hintertreffen. Der Inselverlag hat zwar die allgemeine Lizenz, aber noch nicht ein einziges Buch genehmigt bekommen. Kippenberg sprach über alles dies sehr resigniert. Seine augenblickliche Stimmungslage brachte es mit sich, daß er alle Not der Zeit mit überlegener Ironie betrachtete. Aber das wird nicht vorhalten.
Was Sie über die Ungleichheit der Schicksale berichten, die über die Nazi-verfechter gekommen, kann ich nur unterschreiben. Es gibt da kaum glaubliche Ungerechtigkeiten. Wieder einmal triumphiert die Geschicklichkeit mancher Leute, in jeder Situation obenauf zu kommen. Vielleicht interessiert es Sie, daß mir kürzlich ein urteilfähiger Bekannter über die Schätzungsmaßstäbe in Ihrer Zone berichtete. Er sagte, was man an der Universität München wünsche, daß sei ein wenn auch leichter Nazi-hautgout, keineswegs solche Leute, die im heutigen Sinne "unbelastet" seien. Zum mindesten müsse man in der Region "Stahlhelm" zu Hause sein. - Übrigens sind Sie im Irrtum über die Rolle, die Theodor Haering gespielt hat. Ich habe von ihm Vorträge gelesen, in denen er sich vor Hitler in den Staub geworfen hat. Der schlimmste, ein wahrhaft entwürdigender, führte den Titel: Verheißungen und Verhängnisse deutschen Wesens", in ihm pries er Hitler als die vollkommenste Inkarnation deutschen Wesens. Der Zusammenhang der deutsche Hochschullehrerschaft löst sich immer mehr auf. Die Hochschulen gehen ganz verschiedene Wege. Der Skandal der Ehrenpromotion (die vielfach "nahegelegt" werden) ist hier schon wieder munter im Gang. Leipzig hat sich in dieser Hinsicht bisher sauber gehalten. Es ist auch entsprechend schlecht angeschrieben. Leider kann ich nicht im einzelnen erzählen, in welch peinlichen und auftreibenden Auseinandersetzungen wir nach wie vor begriffen sind. Es ist möglich, daß ich, wenn es anders nicht geht, doch noch den Ruf nach Berlin annehme, wenn auch die Verbesserung nicht durchschlagend ist. Mit München stehe ich noch immer in Verbindung, daneben ist Hanburg aufgetaucht, aber alles rückt unerträglich langsam vorwärts, und unterdessen wird man älter und älter. Ein Gutes kann ich als Wirkung der besagten Kontroversen feststellen: bei untragbaren Zumutungen wird in mir der Wille zu energischer Abwehr beträchtlich verstärkt, und das hat doch etwas Stimulierendes an sich. Seitdem einer der hier Maßgeblichen in einer Versammlung erklärt hat, ich gehöre zu den überalterten Intellektuellen, die durch ihre bürgerliche Denkgewohnheiten gehindert würden, die Forderungen der Zeit zu verstehen, bin ich entschlossen, diesen Herrschaften wenigstens dies eine zu zeigen, daß ich noch fähig bin, meinen Mann zu stehen. Wenn man diese Burschen nur einmal vor seine Klinge bekäme!
Ja, die kleine Beate! Übrigens sind solche Anwandlungen von Weltschmerz im kindlichen Alter nicht ganz so selten. Ist denn ihre Lebensstimmung überhaupt leicht herabgedrückt? Aber wie viel klüger ist solch ein Kind als alle die Theologen, die nicht genug von "dem Tod als der Sünde Sold" zu reden wissen. Ich habe schon mit manchem darüber dabattiert und zu zeigen versucht, daß der Tod als Abschluß eines Lebens, das seine Bahn durchmessen hat, garnichts Erschreckendes an sich habe. Hat Beate genug Umgang mit anderen Kindern? Ich kenne ja das Los des einzigen Kindes aus eigener Erfahrung und weiß, daß man auf diese Weise leicht etwas "Frühreif" wird.
Der Brief von Kroner hat auch mich sehr bewegt. Man spürt, was er innerlich durchgemacht hat. Die theologische Wendung hat mich nicht überrascht. In seiner "Selbstverwirklichung des Geistes" bildet das Kapitel über Religion doch einen sehr merkwürdigen Fremdköroer. Sie kennen doch das intelligente frühere Fräulein Seitz, jetzt Frau Schulz! Sie ist zum Katholizismus übergetreten, und dieser Fall steht keineswegs einzig da. Die haltlose Menschheit greift nach allen Seiten um sich. Bei Verwandten von mir hat die "Christengemeinschaft" umfangreiche Eroberungen gemacht. Andererseits blüht die antichristliche Gesinnung mit gewechselten Begründungen munter weiter. Ein Pandaimonion, in dem unserein sich sehr wunderlich vorkommt! Ohne irgend welche Narkotika kommt die Menschheit nicht aus. Eine der wunderlichsten Tröstungen schrieb mir kürzlich der Schwiegervater von Jónasson, Oberst Graubner: das deutsch Volk solle nur seinen Kopf recht hoch tragen, denn alle das, was ihm die ungerechte Welt vorwerfe, beruhe einzig und allein auf - der geographischen Lage seines Landes. Nur ja nicht sehen, was war und ist - so heißt jetzt für viele die Losung. Es ist eine grenzenlose Verworrenheit der Seelen. Inmitten von alledem wirkt eine religiöse Wendung wie die von Kroner sehr sympathisch. Ein jüdischer Schulkamerad von mir ist in England Reverend geworden.
Hoffentlich hat sich Ihre Wohnungsfrage unterdessen einigermaßen befriedigend geregelt. Ich hätte selbst schon einmal nachgesehen, wenn ich nicht durch die Universitätsdinge bis zur Erschöpfung in Anspruch genommen wäre.
Wir grüßen Sie und Ihre Lieben von Herzen!
Ihre
gez. Litte
Übrigens habe ich Weniger ausführlich über Sie geschrieben. Er meint, Sie sollten einmal dorthin kommen. Man hat mir an zwei Stellen im Westen die Leitung Pädagogischer Akademien angeboten. Aber ich will nicht den Rest meiner Tage in Verwaltungsgeschäften verbrauchen.
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