| Bemerkungen | Dokumentenabschrift: Hochverehrter Herr Professor!
Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Zeilen vom 17.5., die sich mit meinem eigenen ausführlichen Brief vom 18.5. gekreuzt haben! Sehr erfreut hat mich vor allem, daß sich für Ihre Lage an der Universität wieder freundlichere Aspekte eröffnet haben, was man wohl nicht mit Unrecht auf den Widerhall zurückführen kann, den die Einstellung Ihrer Vorlesungen in der Presse hervorgerufen hatte. Daß Sie der Sache dennoch skeptisch gegenüberstehen, verstehe ich nur zu gut, und umso mehr begrüße ich es, daß man sich jetzt auch von anderen Seiten um Sie bemüht! Ich kann nur dringend hoffen und wünschen, daß sich die eine oder andere dieser Möglichkeiten auch tatsächlich verwirklichen läßt, damit Sie sich der geistigen Fesseln entledigen können! Mü. wäre von mir aus gesehen natürlich besonders ideal, jedoch würde ich es durchaus verstehen, wenn Sie Fr. den Vorzug geben würden, weil dort zweifellos eine vorurteilsfreiere und frischere Atmosphäre herrscht. Aber vorläufig sind das ja leider alles nur Pläne, von denen man nicht weiß, ob und wann sie auszuführen sind.
Sehr dankbar bin ich Ihnen auch für die freundliche Unterrichtung über die vorhandene pädagogische Literatur. Ist übrigens nicht im Handbuch der Philosophie ein systematisches Werk über Pädagogik von Nohl er schienen, und was halten Sie davon? Leider werde ich wohl nicht dazu kommen, mich in diesem Fache praktisch zu betätigen, denn auf meine Bewerbungen um eine Dozentur an einer Pädagogischen Hochschule erhielt ich vom Oberpräsidium der Provinz Schleswig-Holstein bereits eine Absage mit der Begründung, daß ich die für eine erfolgreiche Lehrtätigkeit un erläßlichen gründlichen Schulerfahrungen nicht besäße. Als ob die für eine Dozentur der Philosophie und Pädagogik wirklich entscheidend wären, und als ob man sich die im dritten Reich ohne eine äußere und innere Anpassung an den Nationalsozialimus hätte erwerben können! So wird man also jetzt dafür bestraft, daß man zu keinen Konzessionen an das Nazisystem bereit war, und zu den zwölf Jahren, um die man uns betrogen hat, kommen jetzt die fehlenden Berechtigungen hinzu, um einem die Zukunft zu versperren! Sicherlich werde ich jetzt aus Hannover auch keinen anderen Bescheid erhalten, so daß ich im Augenblick, da auch hier alle meine Bemühungen um eine neue Existenz bisher gescheitert sind, ganz ratlos bin. Zwar habe ich mir auch vorher nie eingebildet, daß Menschen unserer Gesinnung und Haltung nach dem Zusammenbruch des dritten Reiches tonangebend werden würden, aber mit solchen Schwierigkeiten, überhaupt einen Beruf zu finden, hatt ich offengestanden doch nicht gerechnet. Sicher hätte man es sehr viel leichter, wenn man eine der herrschenden Parteien zum Sprungbrett wählen würde, aber dieser Weg wird auch heute der letzte für mich sein.
Wie wenig der nationalsozialistische Geist auch von denen, die gar nich laut genug davon abrücken können, wirklich innerlich überwunden ist, dafür erhielt ich gerade in letzter Zeit wieder einige eklatante Beispiele. So berichtete kürzlich eine neue katholische Zeitschrift aus Augsburg ("Neues Abendland") mit sichtlicher Genugtuung, daß an der Universität Freiburg i.Br. eine starke Bewegung gegen das dort herrschende "Mißverhältnis zwischen alemannischen und nordischen Professoren" im Gang sei und man besonders energisch den Rücktritt des Historikers Gerhard Ritter fordere. Nun wissen Sie gewiß auch, daß Ritter einer der heftigsten und mutigsten Gegener des Nazitums war und endlich auch zu einer der verschiedenen Widerstandsgruppen vom 20. Juli gehörte. Was die katholischen Dogamtiker und Förderalisten dennoch zu so heftigen Widersachern dieses Mannes macht, ist, daß sie in ihm , der übrigens in letzter Zeit wiederholt die Notwendigkeit einer Revision unseres Geschichtsbildes betont hat, einen Vertreter des "preußischen Machtstaates" sehen. In der gleichen Zeitschrift vertritt ein Mitglied des bayrischen Hochadels die Auffassung, daß man der Gefahr einer neuen preußischen Hegemonie nur durch eine Verkleinerung dieses Staates (die ja inzwischen von anderer Seite schon ganz gründlich besorgt worden ist) vorbeugen könne! Wenn dies das geistige Resultat der Überwindung des Nationalsozialismus und all der durch ihn erzeugten Leiden und Erschütterungen sein soll - na, da danke ich!
Aber nun zu etwas Erfreulicherem! Kürzlich erhielt ich durch den Verleger Siebeck in Tübingen endlich die langersehnte Adresse von Richard Kroner! Er lehrt an einer theologischen Hochschule in New York! Ich habe natürlich gleich an ihn geschrieben und versucht, die abgerissenen Fäden unserer gewaltsam unterbrochenen Verbindung wiederanzuknüpfen. Daß dies keine leichte Sache war, werden Sie sich denken können. Die Kundgebungen, die bisher aus der deutschen Emigration zu uns gedrungen sind, zeigten zum größten Teil sehr wenig Verständnis für die Situation derer, die diesen Weg aus äußeren und inneren Gründen nicht beschreiten konnten. Aber ich bin überzeugt, daß Kroner nicht zu denen gehört, die das Wort von der "inneren Emigration" nur für einen faulen Rechtfertigungsversuch ansehen. Ich habe daher auch ganz offen und rückhaltlos, ohne Beschönigung und Tünche, an ihn geschrieben und hoffe, daß ich den richtigen Ton getroffen habe. (Sollten Sie Interesse dafür haben, schicke ich Ihnen gerne einmal den Durchschlag). Auch habe ich Siebecks Bitte, ihn zur Wiederübernahme der Herausgeberschaft des "Logos" zu bewegen, gerne erfüllt, obwohl mir ja nicht ganz klar ist, wie Kroner dies von Übersee aus leisten soll. Eine Rückkehr Kroners nach Deutschland halte ich trotz seiner sicher unverminderten Heimatliebe für wenig wahrscheinlich, denn dafür fehlen doch noch allzu viele Voraussetzungen, u.a. auch die, daß die deutschen Universitäten sich bis heute unverständlicherweise noch nicht zu einem öffentlichen Aufruf zur ehrenvollen Rückkehr an ihre durch den Nationalsozialismus vertriebenen Professoren aufgerafft haben!
Wissen Sie übrigens, daß Ernst Cassirer kürzlich in USA verstorben ist, nachdem er vorher noch ein letztes Werk "An Essay on Man" veröffentlicht hat? Soviel ich aus der nicht sehr unterrichtenden Besprechung dieses Buches in der "Sunday Times" ersehe, handelt es sich um eine Anthropologie, in deren Mittelpunkt wiederum Cassirers Symboltheorie steht. Als ein interessantes Zeitdokument lege ich Ihnen einen Ausschnitt aus einer Rede von Julius Ebbinghaus bei, der hier in der USA-Zone neben Jaspers eine entscheidende Stellung hat. Sie werden daraus ersehen, wie tief wir doch gesunken sein müssen, daß es notwendig ist, die elementarsten Voraussetzungen alles freien Menschentums wieder in Erinnerung zu bringen. Übrigens ist die Rede an der Stelle, wo von der Gleichheit aller Menschen gesprochen wird, zum mindesten mißverständlich, womit ich aber gegen den im übrigen gewiß sehr positiven Geist der Rede nichts gesagt haben will.; von: Braunbehrens, Hermann von an: Litt; Ort: Eichhofen |