Bestand:Privatarchiv Litt, Theodor
SignaturNA Litt, Theodor B 1-0507
TitelBrief von: Litt (Leipzig) an: Braunbehrens, Hermann von
Enthältms; Brief 1 Blatt A4
Zeitvon1946
Zeitbis1946
BemerkungenDokumentenabschrift: Lieber Herr v. Braunbehrens! Soeben habe ich einen mir von der Philosophischen Fakultät der Universität München zugesandten Fragebogen ausgefüllt. Ob wir uns noch einmal im Lande der Radis und der Maßkrüge wiedersehen? Es ist wirklich keine Kleinigkeit, sich in meinem Alter noch mit so weit auschauenden Plänen zu tragen. Aber es gibt Umstände, die auch desperate Entschlüsse hervorrufen. Übrigens gewinnt man doch zunehmend den Eindruck, daß die politischen Dinge einer schnellen Entscheidung in der einen oder der anderen Richtung zudrängen. Zum Parallelismus der Ereignisse: ich habe vor einigen Wochen einen Vortrag über das Thema: die Sendung der Philosophie gehalten, der jetzt im Westen gedruckt werden soll. Es ist kein Wunder, daß unsere Gedanken dieselben Wege gehen. Aber die Erfahrung lehrt, daß die Stimme des Philosophen die Stimme des Rufers in der Wüste ist. Hat Gadamer in der verflossenen Zeit Konzessionen gemacht? Mir ist das nicht bekannt. Zuletzt war er selbst im Zusammenhang mit der Affäre einiger Studentinnen erheblich bedroht. Im Augenblick führt er das Rektorat, so weit ich sehen kann, mit ausgesprochenem diplomatischen Geschick. Er hat es sehr, sehr schwer. Von Fritz Medicus hörte ich, daß Kroner in New York lebt und liest. Weinhandl ist natürlich abgesägt. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Überhaupt sind manche so von der Oberfläche verschwunden, daß von ihrem Schicksal nichts mehr festzustellen ist. Kürzlich erhielt ich den ersten Brief aus England von Jonas Cohn, der noch mit 76 Jahren nach Deutschland zurückmöchte. Ich habe es nicht unterlassen, einige warnende Bemerkungen zu diesem Plan zu machen. Spranger lebt noch in Berlin, liest noch nicht und trägt sich ,it ähnlichen Plänen wie ich. Aber auch ihn bedrängen dieselben Schwierigkeiten wie mich. Was soll aus den Sachen werden?! Habe ich Ihnen geschrieben, daß unsere Fakultät Frau Kippenberg anläßlich ihres 70. Geburtstages zum Ehrendoktor gemacht hat? Da wird er seine Hand im Spiel haben. Übrigens eine wirklich verdiente Ehrung. Er selbst wird wohl nach Frankfurt ziehen. Aber der Verlag soll in Leipzig bleiben. Das Geld hat Rudolf anstandslos ausgezahlt bekommen. Wie sollen wir mit ihm verfahren? Leider haben wir von Jónasson noch nicht ein Wort vernommen. Hoffentlich muß man daraus keine schlimmen Schlüsse ziehen. Steger schrieb ganz zufrieden aus dem Gefangenenlager in Bayonne. Käme er zurück, so würde er als ehemaliger PG sofort in Schwierigkeiten verwickelt werden. Mein Eintreten für ihn würde ihm zunächst wenig helfen. Das gehört in das Kapitel, über das Sie auch ganz richtig urteilen. Es werden da gigantische Fehler gemacht. Wir sind ein tief unseliges Volk. Wenzl hat mir geschrieben und erklärt, daß er Ihnen sehr gerne behilflich sein wolle. Wir grüßen Sie beide herzlich und hoffen - trotz aller bestehender Schwierigkeiten - auf ein nicht zu fernes Wiedersehen. Ihre gez. A. und Th. Litt; von: Litt an: Braunbehrens, Hermann von; Ort: Leipzig