| Bemerkungen | Dokumentenabschrift: Lieber Herr v. Braunbehrens!
Es war uns eine große Freude, Ihre liebe Frau bei uns zu sehen. Auf diese Weise wurden wir doch über Ihre Schicksale ganz anders unterrichtet, als es brieflich möglich ist. Es ist wirklich merkwürdig, durch wie viele Analogien Ihre und Rudolfs Erlebnisse verknüpft sind! Leider gilt das auch von den Komplikationen, die die Heilung in einer für alle Beteiligten so qualvollen Weise hinauszögern. Das hatte auf beiden Seiten die Wirkung, daß der zweite Besuch, was die Eindrücke der Besucher angeht, sehr viel depremierender war als der erste. Auch in Bezug auf die Nachwirkung der im Kampf selbst empfangenen Eindrücke konnten wir die vollkommenste Übereinstimmung feststellen. Es fehlt eben hier wie dort an der robusten Gemütsart, die sich auch mit dem Anblick fremder Qualen abzufinden weiß. Dickfelligkeit ist in Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, ein erwünschtes Schutzmittel gegen den Andrang des Fürchterlichen. Wobei ich mich freilich frage, ob nicht, wenn diese Dickfelligkeit bei uns etwas weniger weit verbreitet gewesen wäre, als es offenbar tatsächlich der Fall ist, gerade die Taten ungetan geblieben wären, durch die unser Vilk sich auf die Bahn des Verderbens begeben hat. Aber was helfen solche Erwägungen! Einstweilen heißt es für die beiden Krieger, um die wir uns so sehr sorgen, die Zähne zusammenbeißen und an Geduld alles Menschenmögliche aufbringen. Denn daß solche Eiterungen sehr langwierig sind, das bestätigen aller Sachkenner. Natürlich legt man sich immer wieder die Frage vor, ob bei sorgfältigerer Behandlung die Abszesse ausgeblieben wären. An Sorgfalt hat es bei Rudolf zeitweise ganz offenkundig gefehlt.
Nun aber muß ich Ihnen leider etwas mitteilen, was den Plan eines Besuches bei Ihnen durchkreuzt. Ich hatte bereits alle Züge, die einen solchen Besuch ermöglicht hätten, festgestellt, da kam unerwartet die Nachricht, daß Rudolf - nach Stendal verlegt ist. Er hatte sich bei einer großen Räumungsaktion in seinem Lazarett gemeldet, so schmerzreich jeder Transport für ihn auch ist. Er wollte unter allen Umständen näher an uns herankommen. Und er hatte wohl auch grundsätzlich recht; denn an der Grenze des Protektorats ist es jetzt wirklich zu unbehaglich. Damit ist die Reise nach Osten hinfällig geworden. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie leid mir das tut. Denn ein Wiedersehen und Aussprechen wäre mir unter den obwaltenden Umständen besonders wichtig und wertvoll gewesen. Man möcht ja mit der kleinen Auslese von Menschen, mit denen man sich innerlich verbunden weiß, in möglichst enger Fühlung bleiben. Aber Verzichten, Verzichten ist ja die Melodie jedes Tages.
Zum Schluß noch eine Nachricht, die auf Sie Eindruck machen wird. zu den Leuten, die nach dem Attentat verhaftet worden sind, gehört auch Spranger. Er hat etwa acht Wochen "gesessen" und ist erst in der vorigen Woche heimgekehrt. Er hatte immerhin noch genug Humor, um mir nach der Heimkehr zu schreiben, die "markenfreie Speisung im Prytaneion" sei zu Ende. Das hat mich über seinen allgemeinen Zustand beruhigt.
Alle guten Wünsche für den Fortgang der Geneseung und herzliche Grüße, denen meine Frau sich anschließt!
Ihr
gez. Th. Litt; von: Litt an: Braunbehrens, Hermann von; Ort: Leipzig |