Bestand:Privatarchiv Litt, Theodor
SignaturNA Litt, Theodor B 1-0405
TitelBrief von: Blättner, Fritz (Preetz) an: Litt
Enthälths; Brief 2 Blätter A4
Zeitvon1950
Zeitbis1950
BemerkungenDokumentenabschrift: Hochverehrter und lieber Herr Litt! Zu Ihrem Geburtstage möchte ich auch gerne unter den Gratulanten erscheinen. Da ich keine Möglichkeit hatte, mich an einer gemeinsamen Ehrung zu beteiligen, so nehmen Sie bitte mit diesen weinigen Zeilen vorlieb, die auch - ich weiß, wie sehr Sie das erleichtert - keiner Antwort bedürfen. Dies ist der zweite Brief, den ich an Sie schreibe. Den ersten, der Ihnen sagen wollte, "wann und wie Sie mir begegnet sind und was mir diese Begegnungen bedeuteten", hatte schon einen ziemlichen Umfang, als mir klar wurde, daß ich Ihnen das nicht zumuten dürfte. Sie selbst wissen ja am besten, was Sie uns gesagt haben und so darf ich es nicht noch einmal wiederholen. Aber etwas ganz Persönliches darf ich Ihnen sagen: Sie erinnern sich, wie ich mich bemüht habe, von Ihnen Absolution zu erhalten für gewisse "Konzessionen", die ich einmal gemacht hatte. Es lag mir gerade an Ihrem Urteil sehr viel, weil Sie wie keiner gerade und männlich durch jene schlimme Zeit hindurchgegangen sind. Sie haben mir die Absolution verweigert; ich begreife es. Aber vielleicht begreifen auch Sie, daß ich mich so sehr bemühte. Vor ein paar Wochen erhielt ich einen Brief von der "Forschungsstelle für die Geschichte Hamburgs von 1933 bis 45", der mit dem Satz begann: "Von verschiedenen Seiten sind wir darauf hingewiesen worden, welche wichtige Rolle Sie in der geistigen Opposition während der zeit des nat.-soz. Regimes gespielt haben ..." Ich habe tatsächlich eine Doppelrolle gespielt, von außen gesehen. Mit den Freunden in der Nähe war die Verständigung leicht: sie wußten, daß ich von zeit zu Zeit in der Tarnung untertauchen mußte, um mich psysisch behaupten zu können. Während der 12 Jahre glaubte ich mich von allen verstanden; aber nachher war es plötzlich ganz anders. Da war es mir schmerzlich, daß Sie meine Erklärungen nicht einfach hinnahmen. Aber es war mir erfreuhlich, daß Sie auch nicht, wie andere wohl getan hätten und haben, mit einigen versöhnlich tröstenden Worten darüber hinweggingen: das hätte die Sache ungebührlich bagatellisiert - und damit wäre mir gar nicht gedient gewesen. Sie haben mich so ernst genommen, wie ich nur hoffen durfte - gerade in dem Festhalten an Ihrem Urteil und dafür danke ich Ihnen, auch wenn ich es nicht für ganz gerecht halte. Einen sonderbaren Glückwunschbrief schreibe ich Ihnen da. Aber das ist das menschliche Anliegen, das ich an Sie hatte. Und das ist schrecklich egoistisch, daß ich Sie heute damit beschwere. Vielleicht bemerken Sie aber, wieviel mir daran liegt, bei Ihnen nicht in einem falschen Licht zu erscheinen. Als ich Sie in Göttingen zum ersten Male genauer kennen lernte, war ich beglückt, Sie so frisch u. tatfroh zu finden und zu wissen, daß Ihnen noch viele Jahre des Wirkens beschieden sein werden. In den letzten zwei Jahren habe ich eine "Geschichte der Pädagogik" geschrieben, ein Unternehmen, das nicht viel mit Wissenschaft zu tun hat. Es sollte ein Lehr- u. Lernbuch sein, vor allem für die Studenten der Pädagogischen Hochschulen. Die Hauptaufgabe war der Bericht, - u. Diskussionsschwierigkeiten blieben alle beiseite. Für den Abschnitt Herder waren mir Ihre Herder-Untersuchungen höchst wertvoll. Ich hoffe, Sie werden in dem kleinen Buch, wenn ich es Ihnen in den nächsten Wochen übersenden darf, einen nicht ganz mißglückten Versuch erkennen: einen großen Stoff übersichtlich u. verständlich dargeboten zu haben. Das Buch war einfach notwendig und einer mußte es mal schreiben. So mag es mit all seinen Unvollkommenheiten hingehen. Sie werden Ihren Namen an mehreren Stellen finden und ich möchte wünschen, daß ich Ihren Absichten dann jeweils nahe gekommen bin. Nun nehmen Sie auch von mir herzliche Glückwünsche entgegen. Möge es Ihnen vergönnt sein, die freieren und lichten Jahre noch zu genießen, die auf diese Zeit der Bedrängnis ja einmal folgen werden. Seien Sie der Liebe und Verehrung versichert Ihres immer Dankbaren Fritz Blättner; von: Blättner, Fritz an: Litt; Ort: Preetz