| Bemerkungen | Dokumentenabschrift: Sehr verehrter Herr Litt!
Der Brief von Jordan, den ich Ihnen beiliegend wieder zurückschicke, hat mir zu denken gegeben. Ich kann aus eigener Erinnerung bestätigen, was Jordan in seinem Brief schreibt. Jordan hat damals tatsächlich für die Relativitätstheorie und gegen die alten Parteigenossen Stark und Lenard gekämpft und sich dabei auch persönlich in erhebliche Gefahr begeben. Aber natürlich entsteht hier sofort die Frage, ob der Zweck auch die Mittel heilige, und über den photokopierten Brief Jordans denke ich zunächst genau so wie Sie. Aber ich muß gestehen, daß die Argumente in Jordans letztem Brief mir sogar einen gewissen Eindruck gemacht haben und all die Überlegungen wieder heraufbeschworen haben, mit denen wir uns in den Jahren nach 1933 gequält haben. Jordan führt für seine Methode etwa die alte Weisheit an: Wenn der eine mit Kanonen schießt, kann der andere nicht mit Steinen werfen. Der andere kann also entweder auch mit Kanonen schießen oder sich aus dem Staube machen oder den Märtyrertod suchen. Welche dieser drei Methoden die ehrenvollste ist, läßt sich schwer ausmachen. Jedenfalls war wohl seit etwa 1936 offensichtlich, daß ein echter Widerstand gegen den Nationalsozialismus (echt heißt: ein Widerstand mit Aussicht auf Erfolg) innerhalb Deutschlands nur möglich war innerhalb der Partei und mit den skrupellosen Methoden der Partei. Wer dazu nicht bereit war, konnte entweder seine Hände in Unschuld waschen und sich an nichts beteiligen oder, was gelegentlich gleichzeitig geschah, darauf hoffen, daß uns die Angelsachsen das unsaubere Geschäft der Beseitigung des Gesindels abnehmen würden. Auch die Angelsachsen haben natürlich zunächst die Jordansche Methode verwenden müssen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, wie das Bombardement auf Dresden beweist. Ohne Beelzebub kann man ihn offenbar nicht austreiben; man kann dann besten Falls hoffen, daß er nach langer Zeit selbst weggeht. Jedenfalls zeigt das Beispiel Jordans und die eben zitierten Überlegungen, die Sie natürlich ganz genau kennen, daß wahrscheinlich keiner von uns an die Zeit des Dritten Reichs mit einem guten Gewissen denken kann.
Interessiert hat mich noch der Absatz 2 des Jordanschen Briefes, in dem von der Abstammung Lenards die Rede ist. Es war unter den Physikern allgemein bekannt, daß Lenard in der Tschechoslowakei geboren und aufgewachsen und wahrscheinlich jüdischer Abstammung war. Als ich nach dem Angriff des Schwarzen Korps auf mich im Jahre 1937 mehrfach von der Gestapo verhört wurde, war zu einem dieser Verhöre (das im Leipziger Gestapo-Gebäude stattfand) auch ein Mann aus dem Stabe Himmlers gekommen, der mich während des Verhörs auf Lenard ansprach und insbesondere die Frage stellte, ob ich Lenard als Deutschen anerkenne. Ich habe damals, wenn ich mich recht erinnere, geantwortet, daß er in der Tschecholowakei aufgewachsen sei und daß ich im übrigen annähme, daß seine Volkszugehörigkeit genau so geprüft worden sei, wie bei allen anderen deutschen Physikern. Ich war sicher zu vorsichtig (oder zu feige?), etwas von der jüdischen Abstammung Lenards zu erwähnen, halte aber für möglich, daß doch von diesem Verhör ein Verdacht über diese Abstammung bis zu Himmler gedrungen ist. Persönlich habe ich Himmler nie gesehen. Ich weiß also nicht, ob Jordan meint, dieser Verdacht sei durch das genannte Verhör bis zu Himmler gekommen, oder ob er Nachrichten hat über eine Unterredung zwischen Himmler und einem anderen Physiker. - Jedenfalls können wir froh sein, daß wir für einige Zeit aus Problemen dieser Art herausgekommen sind, und wenn uns das Schicksal gnädig ist, werden wir auch noch eine Zeitlang in diesem windstillen Winkel der Weltpolitik bleiben können.
Noch ein Wort zum Fall Dingler: Nach meiner Erinnerung war Dingler ganz eindeutig der erste, der ein wissenschaftliches Problem mit politischen Mitteln zu seinen Gunsten wenden wollte. Dingler hatte sich im Kampf gegen die Relativitätstheorie mit wissenschaftlichen Mitteln nicht durchsetzen können und benützte nach 1933 die Parteizeitungen, um sein Ziel auf politischem Wege zu erreichen. Daß Jordan ihm dann mit der gleichen Münze heimgezahlt hat, entschuldigt ihn sicher nicht.
Mit vielen herzlichen Grüßen
Ihr
gez. W. Heisenberg; von: Heisenberg, Werner an: Litt; Ort: Göttingen |