| Bemerkungen | Dokumentenabschrift: Sehr verehrter Herr Professor!
Seit Wochen beschäftigt mich nichts so sehr wie der beiliegende Schriftwechsel mit Herrn Prof. Köhler. Ich bedauere außerordentlich, meinen ersten Brief an Köhler mit der Hand geschrieben zu haben, besitze ich doch nun keinen Durchschlag. In diesem ersten Brief schrieb ich etwa Folgendes:
"Mir hat die Bonner Tagung außerordentlich gefallen, Prof. Litt hat mir "aus der Seele" gesprochen. Mit Ausnahme des Vortrages am 24.4. 15 Uhr habe ich an sämtlichen Vorträgen und Diskussionen teilgenommen. Von einer Zuweisung gewisser Sparten der Anthropologie an den Erdkundeunterricht hat Prof. Litt in meiner Gegenwart nichts gesagt. Als Herr Schneider zum Schluß für drei Themen eine sehr lange Redezeit erbat, hat L. diese vernünftigerweise reduzieren müssen. Sch. versuchte, menschliche Toleranz aus der gegenseitigen Hilfe in der Natur anzuleiten. Nachdem Sch. ganz deutlich gemacht hatte, wie er aus der Natur (die Natur steht doch jenseits von gut und böse - Anm. Hahn) sittliche Maßstäbe für menschliches Handeln abzuleiten versuchte, sagte L. mit Recht, jeder habe seine Begründung verstanden. Im Interesse der Zuendeführung seines Schlußwortes müsse er unterbrechen. Das Verhalten Litts billite ich in vollem Umfang. Ich schloß mit der starken Befürchtung, L. könnte über diesen bedauerlichen Briefwechsel, wenn er davon erführe, mit Recht so verärgert sein, daß er seinen Vortrag für Essen zurückzöge."
So ungefähr, nur weit ausführlicher, schrieb ich an Prof.Köhler. Alles Weitere liegt abschriftlich bei.
Weshalb ich Ihnen das alles schreibe, sehr verehrter Herr Professor? Weil mich die Entwicklung der Angelegenheit maßlos empört. Bei der Schlußdiskussion fiel mir auf, daß sich ein kleiner Kreis von höchstens sechs Personen um Studienrat Schneider scharte. Es drängte mich, gerade weil ich ganz anderer Meinung war, diesen kleinen Kreis nach der Diskussion kennenzulernen.
Sch. betonte, er sei 1945 als Nazist automatisch verhaftet worden, er sei auch aus der Kirche ausgetreten.
Ein anderer diesem Kreis angehörender Studienrat, der 1926, als ich in Bonn bei Fitting studierte, dessen Assistent war, erzählte mir, er habe wegen seiner politischen Belastung 1945 nicht wieder in Bonn als Studienrat anfangen können, jetzt aber habe er eine Anstellung in Köln erhalten, er sei als Katholik aus der Kirche ausgetreten und daher bei Schnippenkötter in Ungnade gefallen.
Ich schreibe das nun nicht deshalb, sehr geehrter Herr Professor, um mich über meine Kollegen pharisäisch zu erheben, da ich kein Pg. war und nicht aus meiner ev. Kirche ausgetreten bin, sondern lediglich aus der Vermutung heraus, daß diesen Kollegen wahrscheinlich völlig unbewußt von der Vergangenheit her derklare Blick gerade auf dem Gebiet der Anthropologie getrübt ist. Ich habe zu allem, was dieser Kreis an Ihren Anschauungen auszusetzen hatte, bewußt geschwiegen und mir in Ruhe alles angehört. So hat mich denn Sch. auch als Gewährsmann angegeben.
Was ich Ihnen über diesen "Kreis" mitteile, sehr geehrter Herr Professor, habe ich Herrn Prof. K. nicht geschrieben, da ich ihn nicht kenne, ich werde es auch auf keinen Fall tun. Ich möchte Sie höflichst bitten, diese persönlichen Bemerkungen ganz vertraulich zu behandeln. In dem Köhlerschen Brief an Sie heißt es, daß alle Antworten - nur einer war immer gerade nicht anwesend gewesen - übereinstimmten.
Ich betone hier - davon können Sie gerne Gebrauch machen - , daß ich wie oben ausgeführt mich ganz auf Ihre Seite gestellt habe. Wenn Prof. K. schreibt: "Nur einer war immer gerade nicht anwesend gewesen", so bin nur ich damit gemeint. Dabei habe ich K. ausdrücklich geschrieben, ich hätte an allen Vorträgen und Diskussionen mit einer Ausnahme teilgenommen. Ich verstehe daher seine mich kränkende Bemerkung nicht.
Das von einem älteren Bonner Kollegen gesprochene Dankeswort bei Beendigung der Tagung fand außerordentlichen Beifall. Ist das nicht der beste Beweis dafür, daß Ihre Ansichten weitgehend von den Tagungsteilnehmern geteilt wurden?
Ich lese gerade mit großem Genuß Ihre neueste Schrift: "Naturwissenschaft und Menschenbildung".
In der Hoffnung, Ihnen mit meinen Ausführungen gedient zu haben, bin ich
Ihr dankbarer
gez. Kurt Hahn
Darf ich höflichst um baldige Rücksendung der 5 Anlagen bitten.; von: Hahn, Kurt an: Litt; Ort: Hattingen |