| Bemerkungen | Dokumentenabschrift: Lieber, hochverehrter Herr Litt!
Daß ich an Ihrem morgigen siebstigsten Geburtstag mit leeren Händen vor Sie treten muß, um Ihnen meine Glückwünsche darzubringen, spielt in meinen "Begegnungen mit Litt" - dem Sammeltitel der geplanten Festgabe - hoffentlich nur die Rolle einer Episode. Denn falls dieselbe, wie ich hoffe, zum Druck kommt, möchte ich den Beitrag, den ich diesmal zu meinem schmerzlich empfundenen Bedauern nicht rechtzeitig abzuschließen vermochte, mit Ihrer freundlichen Erlaubnis doch noch nachbringen. Vielleicht werden Sie - und auch Herr Dr. Roeßler, den ich mein Verstummen zu entschuldigen bitte - nachsichtiger über mein Versagen urteilen, wenn ich erwähne, daß wir nolens-volens in der vorgesehenen Zeit gerade auswärtigen Wohnbesuch und eine Ehrenpromotion hatten, deren Durchführung mit allem Drum und Dran von Empfang und Bewirtung des ausländischen Gastes meine Aufgabe war, da sich unser Dekan ins Bett legte. Und so waren es noch einige andere Abhaltungen, die mich in diesen Wochen trotz angespannter Arbeit nicht zur Ruhe kommen ließen.
Und dabei fehlten mir nur wenige Tage, um das oposculum zu vollenden, das ich Ihnen zugedacht. Ich habe voriges Jahr einmal in unserer evangelischen Studentengemeinde über das Thema gesprochen: "Der Christ und der Kampf ums Recht", und dabei, ausgehend von Jherings berühmter Schrift, das Dilemma zu behandeln versucht, in welchem sich gerade der Jurist befindet, der einerseits den Forderungen der Bergprdeigt nachzuleben bemüht sein sollte, und der andererseits vernimmt, daß der "Kampf ums Recht" sittlich geboten sei oder ihn selbst aus höheren Gesichtspunkten als dem eigenen subjektiven Recht in gewissem Umfange bejaht. An jenes bescheidene Referat schloß sich damals eine fruchtbare Disskussion mit fragenden Jungen und erfahrenen Alten, und ich wollte das, was sich mir als ein wenigstens vorläufiges Ergebnis abzeichnete, einfach zu Papier bringen. Nun, der Plan ist nur aufgeschoben, und ich hoffe, der Autor von "Der deutsche Geist und das Christentum" wird die gleiche Fata morgana wieder in die Ferne gerückte Aussicht dennoch wohlwollend aufnehmen!
"Begegnungen mit Litt" - ins Persönliche gewendet, hätte ich hier mit Ihren ersten Leipziger Jahren beginnen müssen, vielleicht mit inliegender Postkarte an den stud. phil. K. Thieme aus meiner Briefmarkensammlung, vielleicht mit meinem Matur-Aufsatz über Carl Spitteler vom Carola-Gymnasium (1925), dessen sich der Staatskommissar Theodor Litt noch nach Jahren besser entsann als der Abiturient selber! Ein Krankenzimmer im Diakonissenhaus wäre dann eine weitere Station, und mancher Hörsaal im Augusteum.... Und sicher würden auch Ihre und Ihrer lieben Frau treue Besuche in Raschwitz nicht fehlen, und jene Begegnungen im Kriege vor der Markthalle am Königsplatz, wo Sie, im grünen Lodenmantel und mit der Einkaufstasche versehn, mir mit Stentorstimme berichtet haben, was "Ihre himmlischen Stimmen" Ihnen verraten! Oder auch unser erstes Wiedersehn Pfingsten 1947 im zertrümmerten Leipzig, als ich zu später Stunde bei Ihnen um Quartier vorsprach. Wie viel froher war da doch wieder die letzte Begegnung, als Sie neulich (am 8. Oktober), unterwegs zwischen einem sicherlich denkwürdigen Besuch bei Nicolai Hartmann und einem solchen bei Herrn Smend, meiner Frau, unseren Kindern und mir selbst eine Stunde der Freundschaft widmeten!
Und doch stehen auch heute persönliche und allgemeine Sorgen reichlich genug an Ihrem Horizont. Möchte er wieder helle, freier, sonniger werden: das ist unser herzlichster Geburtstagswunsch!
gez. Ursel Thieme
Hans Thieme.; von: Thieme, Hans und Ursel an: Litt; Ort: Göttingen |